• Christian Urech

Corona Dreams




Wie fast jede Nacht verfolgen mich Coronaträume. Letzte Nacht zum Beispiel träumte ich, nach langer Zeit wieder einmal in einem Buchladen in Bern zu arbeiten (auszuhelfen? Tatsächlich habe ich von 1983 bis 1985 in einer grossen Buchhandlung in Bern eine Buchhändlerlehre absolviert). Da sich die Arbeitsbedingungen von den technischen Hilfsmitteln her total verändert haben und ich das Sortiment nicht mehr kennen, bin ich ziemlich am «schwimmen» und muss mir bei Kolleginnen und Kollegen immer wieder Hilfe holen. Was mich wundert, ist, wie nahe einem die Kundinnen und Kunden beim Auskunftholen auf die Pelle rücken und dass auch nirgendwo Desinfektionsmittel herumstehen, um die Händehygiene einzuhalten. Ziemlich rücksichtslos, denke ich noch, wahrscheinlich ist dem Besitzer der Umsatz wichtiger als die Gesundheit von Kundschaft und Mitarbeitenden. Überhaupt, denke ich, warum hat dieser Laden überhaupt geöffnet, sind doch andere Buchhandlungen geschlossen und gehören Bücher offenbar auch nicht zum täglichen Grundbedarf der Menschen. Hier werde ich bestimmt innerhalb eines einzigen Tages angesteckt, denke ich. Ich frage eine Kollegin, ob denn hier überhaupt nichts vorgekehrt werde gegen die Seuche. Die Kollegin schaut mich nur verwundert an – von Corona will sie noch nie etwas gehört haben. Verblüfft frage ich sie nach dem heutigen Datum. Sie antwortet, heute sei der 12. Dezember 2019, wir steckten also mitten im Weihnachtsgeschäft; deshalb sei der Laden so voll und ja auch wohl deshalb als Aushilfe eingestellt worden. Aber, stammle ich, heute sei doch der 4. April 2020, da sei ich ganz sicher, ich sei doch nicht verrückt. Ich solle mal einen Blick auf die Strasse werfen, rät mir da die Kollegin. Tatsächlich, auf der Strasse sind Schneeresten zu sehen und gefrorene Wasserpfützen, was tatsächlich eher zum Dezember passt als zum April, ausserdem war es gestern noch 20 Grad warm, zudem fallen mir auch einige weihnachtlich geschmückten Schaufenster ins Auge. Ich muss dir etwas sagen, flüstere ich ihr da zu, in etwa drei Monaten wird das hier ganz anders aussehen. Der Laden wird geschlossen sein, du wirst Zwangsferien haben. Das Alltags- und Wirtschaftsleben werden auf Sparflamme laufen, wir werden mehrheitlich zu Hause sitzen und so oft die Hände mit Seife waschen und mit Alkohol desinfizieren, dass sie rot und rissig sein werden. Was mich jetzt aber vor allem interessiere, wie ich wieder in «meine Zeit» zurückkommen könne und ob das überhaupt wünschenswert sei. Immerhin könne ich ja so mehr als drei Monate zusätzliche Lebenszeit gewinnen. Aber andererseits sei es ja möglich, dass ich, wenn ich jetzt nach Hause führe, dort womöglich mein älteres, d.h. vielmehr jüngeres Ich antreffen würde, was eine verdammt komische Erfahrung wäre.

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