• Christian Urech

In den Bergen (Fortsetzung): Shine on you crazy Diamond


Wieder zur Vernunft gekommen, stellte ich erstaunt fest, dass mir noch erstaunlich viel Geld zu Verfügung stand – ich will nicht sagen, dass es mir gehörte, so war es nicht, es war zusammengegaunertes Geld, das war mir schon bewusst, aber moralische Überlegungen lagen mir weiterhin fern. Jedenfalls duschte ich erstmals seit Wochen in einem Etablissement im Hauptbahnhof, das sich MacClean nennt, rasierte mich daselbst und liess mir – immer noch im Hauptbahnhof – die Haare schneiden, kaufte mir neue Kleider und gönnte mir eine ordentliche Mahlzeit, bestehend aus einer gebratenen Wurst, Senf und Brot. Als nächstes besorgte ich mir im Reisebüro der nationalen Eisenbahngesellschaft ein Flugticket und flog noch gleichentags nach Bali. Warum nach Bali? Vielleicht, weil Bali auf meinem Radar am weitesten entfernt war. Ich hatte Bilder im Kopf, aus Ferienprospekten, Filmen, weiss der Teufel woher. Vielleicht gefiel mir einfach der Klang des Namens der Insel so gut.

In Bali logierte ich in einem Hotel namens «Fourteen Roses», mitten in Legian gelegen, einer Touristenmeile par excellence, nicht gerade ein Luxushotel, aber von Luxushotels hatte ich nachgerade genug. Es war mir also recht, dass dieses Hotel nichts weiter war als ein Hotel mit Gästen ohne übermächtiges Geltungsbewusstsein. Das Hotelpersonal, übermässig vertraut mit fremden Gästen, machte sich übrigens offen lustig über die Touristen, die es beherbergte, ohne dass diese es bemerkt hätten. Ich fand das okay.

Ich weiss nicht, ob Sie Ayahuasca kennen. Vom Namen her vielleicht, aus persönlicher Erfahrung wahrscheinlich nicht. Ich hielt nie was von halluzinogenen Drogen, da sie mich ängstigten. Einen LSD-Trip aus meiner Jugend hatte ich in allerübelster Erinnerung. Nein, ich wollte mir keinen Spiegel vorhalten lassen. Nein, ich wollte nicht wissen, wer ich wirklich bin. Ich hatte absolut kein Interesse an dieser Sorte von Realität. Das war ein Horror. Die Angst, die mich bei diesem Trip überfallen hatte, war so gross gewesen, dass ich während der ganzen Reise vor ihr davonzurennen versucht hatte. Ich hätte mich notfalls auch aus einem Fenster gestürzt, was aber damals unmöglich war, weil es weder ein Fenster gab noch eine Klippe oder sonstwas, das in die Tiefe führte. Ich befand mich an einem Strand im indischen Goa. Natürlich, ich hätte mich im Meer ersäufen können, aber ich war, wie im Traum, nicht fähig, mich auf das Wasser oder sonstwas zuzubewegen, ich strampelte an Ort. Ich lag also im Sand, mein Gesicht war bedeckt von Sand, meine Nase, mein Mund waren voll von Sand, und ich strampelte an Ort. Ich stellte mir vor, aufzustehen und davonzurennen. Der Himmel über mir zürnte mir, das Wasser vor mir schien mir voller Feindschaft, die Wogen des Meeres drohten mein Hirn zu zerschlagen, die Sterne über mir versengten mein Ich. Mein Ich zersplitterte in abertausende von mikroskopisch kleinen Teilen. Ich erfuhr nicht die kosmische Einheit, sondern die kosmische Einsamkeit, die unendliche Leere des Alls. Kälte, absolute Kälte, wahrgenommen durch ein Bewusstsein ohne Verankerung. Man hätte es als ein mystisches Erlebnis bezeichnen können, aber eines, das aus der Hölle kam. Mit allen Kräften krallte ich mich an mein Ich, bis ich wieder Ich war, und ich wollte, mehr denn je, nichts sein als ein Ich, ein möglichst starkes, ja allmächtiges Ich.

Aber jetzt war mein Ich wieder zerschlagen, und nichts konnte es reparieren, denn dieses Mal ging es nicht um mich, sondern um etwas, das wie ein schwarzes Loch mein Ich geschluckt hatte, die Liebe. Ich hatte einen Menschen verloren, durch meine eigene Schuld, einen Menschen, den ich hätte lieben können und den ich nicht geliebt hatte, weil ich ihn nicht lieben konnte, und dieser Verlust war sehr viel schlimmer als der Verlust meines Ichs. Ohne Ich kann man überleben, ohne Du und ohne Liebe nicht.

Als ich in meinem Hotel frühstückte, bekam ich mit, wie am Nebentisch über eine Ayahuasca-Zeremonie gesprochen wurde, die an einem der nächsten Tage in Ubud stattfinden sollte. Die Angehörigen diverser Amazonas-Ethnien gebrauchen Ayahuasca in rituellen religiösen Zeremonien, um sich in einen Trance-Zustand zu versetzen. Der Gebrauch ist im amazonischen Brasilien, Bolivien, Peru, im Orinocodelta von Venezuela bis an die Pazifikküste von Kolumbien und Ecuador verbreitet. Zudem sind im 20. Jahrhundert in Brasilien diverse Ayahuasca-Religionen entstanden, die in den Städten von der Mittelschicht frequentiert werden und inzwischen auch international präsent sind, erfuhr ich von Wikipedia.

Kennst du die Wirkung von Psylocibin und LSD? Eine Begegnung mit Mutter Ayahuasca hat eine gewisse Ähnlichkeit; wenn du dir Psilocibin als junges Mädchen und LSD als erwachsene Frau vorstellst, dann ist die Ayahuasca die mächtige Alte vom Berg. Ayahuasca ist eine Art Tee, der gebraut wird, indem die verholzten Pflanzenteile der Lianenart Banisteriopsis caapi zusammen mit den Blättern der Pflanze Psychotria viridis, einem Rötegewächs, ausgekocht werden. Ich weiss das, weil ich, nachdem ich das Gespräch am Nebentisch belauscht habe, sofort bei Wikipedia nachgeschaut habe. Oft würden noch DMT-Quellen aus anderen Pflanzen oder dem Hautdrüsensekret der Aga-Kröte beigefügt, lese ich weiter. Das Endresultat ist eine braune Flüssigkeit, die fürchterlich schmeckt. Das habe ich selber erfahren.

Geleitet wurde die Zeremonie, an der etwa zehn Personen aus aller Welt teilnahmen, von einem direkt aus Südamerika importierten Schamanen und seiner Frau, die im siebten Monat schwanger war, aber dennoch am Ritual teilnahm – als Teetrinkerin, nicht als Zuschauerin, wohlverstanden. Von den Teilnehmenden fiel mir eine Frau auf, die mich von allem Anfang an durch ihre starke Ausstrahlung beeindruckte. Sie war damals etwa 45 und die ersten grauen Strähnen durchzogen ihr tiefschwarzes Haar. Sie war klein und drahtig, ihr Gesicht war dunkel wie meines und ohne Makel. Sie wirkte alterslos. Ihre Augen waren geschlossen. Dann tranken wir unsere erste Tasse, sie blickte kurz auf und ihr Blick traf den meinen. Ich glaubte, so etwas wie ein Erkennen in ihrem Blick wahrzunehmen. Dann schloss sie die Augen wieder. Der Schamane begann mit hoher dünner Stimme ein endloses monotones Lied zu singen, dessen Text ich nicht verstand und von dem ich nicht einmal wusste, in welcher Sprache er verfasst war. Irgendein Dialekt der südamerikanischen Indigenen, vermutete ich. Oder der Schamane improvisierte und die Worte bedeuteten gar nichts. Auf jeden Fall hatte dieser Singsang zunächst eine einschläfernde Wirkung auf mich. Ich trank eine zweite und eine dritte Tasse des Gebräus, ohne einen Effekt wahrzunehmen. Ich legte mich auf meine Matte und schaute in den von Sternen übersäten Himmel, der mir unergründlich tief erschien wie ein riesiger Brunnen, in den ich mich nun fallen liess. Plötzlich hatte ich das Gefühl, in einem Astronautenanzug zu stecken. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich jegliches Zeitgefühl verloren habe, wie im Traum. Ich verliere mich in einer komplizierten Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, ich bin ein Flüchtling, d.h. ich bin ein Jude, ein Sinti, ein Roma, ein Homosexueller, auf jeden Fall verfolgen mich Wehrmacht und Gestapo, aber ich entkomme immer unerkannt, ich tarne mich, indem ich selber eine Wehrmachts- oder SS-Uniform trage und schliesslich lande ich in einem Raum, in dem ich Hitler begegne, der verrückt geworden ist, indem er sich einbildet, Zahnarzt zu sein; aber diese Rollenwechsel dauerten, wie man mir versichert, jeweils nur einen oder zwei Tage, d.h. man wisse nie, wie lange es daure, bis er in eine neue Rolle schlüpfe, zum Beispiel in die eines grausamen Diktators. Ich weiss inzwischen nicht mehr, ob ich liege, sitze, stehe, schwimme oder fliege. Irgendwie erscheint mir die Luft um mich als zähflüssige Substanz. Ich habe das Gefühl, zu ersticken. Ich nehme wahr, wie ich als Fötus im Bauch meiner Mutter liege, der Platz ist eng geworden und ich will unbedingt raus, aber eine Schlinge hat sich um meinen Hals gelegt und reisst mich immer wieder zurück. Ich kämpfe um ein Leben, ich kämpfe um mein Leben. Meine Angst wird immer grösser und steigert sich zur Panik, während meine Kraft immer kleiner wird. Ein Gefühl der Ohnmacht, des totalen Ausgeliefertseins ergreift mich. Ich erkenne die tröstliche Tatsache, die Erleichterung, nicht zu sein, die Gnade der Nichtexistenz. Ich erkenne die Belanglosigkeit von Geburt und Tod. Dann wieder will ich unbedingt leben, ich bin wie die Flamme einer Kerze, die vom Wind beinahe ausgelöscht wird, bevor sie im nächsten Moment umso stärker emporlodert. Ich bin ein Vogel und fliege über eine Landschaft, die von solch übernatürlicher Schönheit ist, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Können Vögel weinen? Ich weiss es nicht, aber damals, in Bali, konnten sie es. Ich fliege als Vogel einmal um die ganze Welt, das dauert unendlich lange oder den Augenblick eines Lidschlags, Zeit ist genauso eine Illusion, ein Traum unseres Hirns wie Gott, die Autobahn und eine Senftube. Ich reite auf einer Senftube quer durchs Universum von Galaxie zu Galaxie, durch Wurmlöcher und Schwarze Löcher und jede mögliche Form der Existenz. Dann höre ich wieder den Singsang des Schamanen, öffne meine Augen, nehme die Feuchtigkeit der Tränen auf meinen Wangen wahr, sehe das Gesicht der Frau, die mich so beeindruckt hat, spüre die Intensität ihres Blicks.


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