• Christian Urech

In den Bergen (3)


Zwischenspiel: Der Plot

Die Meisterin, eine berühmte Architektin, Malerin und Gestalterin, die dazu ein Studium in Politwissenschaften und Philosophie abgeschlossen hat, bekommt vom Sultan von Brunei, einem der reichsten Männer der Welt, den Auftrag, diesem einen 2000-Zimmer-Palast zu bauen (die Tochter einer Freundin von ihr, eine halbe Schweizerin, ist mit dem Sohn des Sultans, dem Kronprinzen, verheiratet). Im Verlauf dieser Zusammenarbeit gelingt es der Meisterin, dem Sultan klarzumachen, dass er mit seinem Reichtum und seiner Macht eigentlich nichts gewinnt, denn niemand kann 2000 Zimmer eines Palastes benutzen oder 7000 Luxusautos fahren und das als Lustgewinn verbuchen. Das wiederholt sich vielmehr und wird sehr, sehr langweilig. Auch macht es einen nur gradweisen, aber nicht prinzipiellen Unterschied, ob man auf den Boden oder in ein goldenes WC scheisst. Das weiss der Sultan, der ja die besten Schulen besucht hat, eigentlich auch, aber er ist in den Konventionen seiner Klasse gefangen. Wobei, Macht – politische Macht – hat der Sultan von Brunei ja eigentlich nicht. Er hat jedenfalls nicht die Macht, im Lauf der Geschichte eine Spur zu hinterlassen. Und das ist – wäre – sein heimlicher Ehrgeiz.

Die schlaue Meisterin überzeugt ihn davon, dass, wenn er die Idee der Akademie der Felsenarena unterstützt und finanziert, er sehr wohl einen bedeutenden Beitrag zur Menschheitsgeschichte leisten könnte, vielleicht sogar den entscheidenden Beitrag seit dem Beginn der Menschheitsgeschichte überhaupt. Denn, so erklärt die Meisterin dem Sultan, die Zeit des Strebens nach Macht und Besitz sei dabei, endgültig zu Ende zu gehen. Im Verlauf des 21. Jahrhunderts werde es je länger, je mehr nur noch darum gehen, das Überleben der menschlichen Spezies zu sichern – eine wahrhaft heroische Aufgabe. Denn so, wie sich die historische Entwicklung momentan präsentiere, sei die Menschheit dabei, kollektiven Selbstmord zu begehen. Das liege einerseits an komplett unfähigen Führern in Wirtschaft und Politik, die den Paradigmenwechsel noch nicht vollzogen hätten, und andererseits an der grossen Mehrheit der Menschheit, die durch das herrschende Dogma von Macht und Besitz zwangsläufig in eine immer extremere Verdummung hineingezwungen werde. Aus diesem Grund, führt die Meisterin vor dem Scheich aus, sei es zwingend notwenig, eine neue Elite – und zwar in jedem Bereich: der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik, der Kunst (wobei die Kunst qua ihrer Bestimmung diesen Paradigmenwechsel eigentlich schon immer vollzogen haben sollte) – zu schaffen: einer Elite eben, für die nicht Besitz und Machterhalt zähle, sondern die Rettung der menschlichen Spezies. Und die sei nur zu retten, wenn auch der ganze Rest (Fauna, Flora, Klima etc.) gerettet werde. Wenn Meere über die Ufer träten, fruchtbare Landstriche verödeten, riesige Küstenstädte von der Landkarte verschwänden, Wasser ein defizitäres Gut werde und das Leben auf der Erde zu einem furchtbaren Überlebenskampf, spielten Statusüberlegungen nur noch für absolut verrückte und deshalb dem Untergang geweihten Despoten eine Rolle. Der Sultan von Brunei muss sich das erst überlegen; aber ja doch, er möchte zum Retter der Menschheit werden. Und er bringt noch ein paar andere Königshäuser, superreiche Unternehmer, die Bill Gates-Stiftung etc. dazu, Geld einzuschiessen.

Es braucht genau sechs Jahre, bis das Projekt abgeschlossen wird. Und nun beginnt die Rekrutierung und Ausbildung der zukünftigen Eliten, die so gar nichts mit der bisherigen Bildung von Eliten zu tun hat. Die Ausbildung verläuft zweiteilig: Im Theorieteil werden die Kandidaten vor allem mit philosophisch-ethischem, geschichtlichem, kulturellem, spirituellem, naturwissenschaftlichem, psychologischem und neuronalem Wissen konfrontiert (und mit der gebührenden Distanz auch mit wirtschaftswissenschaftlichen Theorien), es wird aber auch mit Meditation und halluzinogenen Drogen experimentiert, im praktischen Teil dagegen bekommt das Ganze eine existentielle Tiefendimension: Ganz abgestimmt auf den individuellen Einzelfall haben die zukünftigen Leader beiden Geschlechts ein einjähriges Praktikum zu absolvieren. Der eine wird für ein Jahr in ein absolut alltägliches thailändisches Kloster gesteckt, ein anderer zum Rikshafahrer in Klakutta verdonnert, wieder andere als Bettler oder Strassendiebe auf die Piste geschickt, andere arbeiten vielleicht einfach in einer Putzkolonne, in einem Supermarkt, einem Spital oder einem Bordell. Entscheidend ist, dass die Kandidaten am Schluss der Jury ein Schlussmanuskript vorlegen müssen, das durch Sachkenntnis, philosophische Tiefe, grosse Menschenkenntnis und literarische Qualitäten besticht. Mittelmass wird keinesfalls toleriert. Entspricht der Schlussbericht nicht dem Geschmack der Jury, müssen (oder dürfen) die Kandidatinnen und Kandidaten die Mühsal – oder die Chance – eines weiteren Praktikumsjahrs auf sich nehmen, bis ihre Auswertungen den Ansprüchen der Jury genügen.

Dieser Roman erzählt einerseits die Biographie der Meisterin, aber auch die des Ich-Erzähler-Lehrers. Weitere Kapitel sind den Biographien einzelner Schüler gewidmet, in diesem Fall vor allem der Zeit während ihres Praktikums. Am Schluss wird erzählt, warum sich die ganze Idee einer quasi platonischen Weltregierung der Weisen als Illusion erweist. Die ganze Felsenarena, ausgelöst durch ein gigantisches Erdbeben, donnert in die Tiefe und ist dahin. Dann aber erwacht der Ich-Protagonist völlig gelähmt und einzig auf sein Hirn reduziert in einem Spital. Er erinnert sich. Oder glaubt sich zu erinnern. Hat er das Erdbeben wider alle Wahrscheinlichkeit überlebt? Oder war das Ganze bloss ein Traum, eine Ausgeburt seines fiebrigen Hirns? Warum aber liegt er dann in diesem Krankenhaus? Oder ist auch das Krankenhaus nur eine Fantasie?


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