• Christian Urech

Ein schwieriger, aber lehrreicher Tag


Es war ein schwieriger Tag heute. Die erste Frage: Schaff ich es rechtzeitig zu meinen Terminen? Es liegt Schnee auf den Strassen, es schneit heftig, und das verheisst schon mal wenig Gutes. Aber der Bus kommt fast pünktlich – ich schaff es problemlos, meine ersten Deutschlektionen in Luzern abzuhalten. Auch die Rückfahrt verläuft ohne Schwierigkeiten. Meine ersten vier Stunden verlaufen ganz gut. Um 16 Uhr habe ich meine fünfte Lektion des Tages – im 25Hours-Hotel im Langstrassenquartier. Ich muss wieder einmal improvisieren – das versprochene Lehrbuch für die Deutschlektion für die Hotelangestellten aus aller Welt ist nicht rechtzeitig bei mir eingetroffen, ich kenne den Unterrichtsort nicht und weiss nicht, was mich erwartet. Aber es verläuft alles ganz gut – im Internet gibt es eine Probelektion aus dem Lehrmittel zum Thema «Zeit und Termine», das passt doch recht gut. Die Leute aus Ungarn, Spanien, Italien, Somalia, der Dominikanischen Republik und Portugal, die den Kurs besuchen, sind sehr nett und interessiert – da stören die paar technischen Probleme, die ich habe, wenig. Und schon bin ich wieder auf dem Bus nach Oerlikon, wo ich meine sechste bis neunte Lektion dieses Tages abhalte (mit Menschen aus Griechenland, Finnland, Spanien, Rumänien, der Ukraine, Mazedonien, der Slowakei, Südafrika, Brasilien und Frankreich). Allmählich bin ich etwas müde, aber die Menschen, die ich treffe, feuern mich an, geben mir neue Energie. Doch jetzt, im 61-er-Bus, bin ich restlos erledigt, ziemlich kaputt. Als ich mich im Bus setzen will, faucht mich eine Frau an: Nein, hier ist besetzt, ich warte auf meine Kollegen! Völlig verdattert setze ich mich auf einen anderen Platz. Dann kommt ein ausländisch aussehender Mann und setzt sich ebenfalls auf den «besetzten» Platz, und nun flippt die Frau vollends aus: Sie beschimpft den Mann auf das Übelste und unterstellt ihm alle nur möglichen Verbrechen, die extremistische Muslime je begangen haben. Sie wirkt äusserst gefährlich und gewaltbereit. Der kleine braune Mann duckt sich weg, die meisten Menschen im Bus erstarren vor Angst, auf manchen Gesichtern ist echte Panik auszumachen. Doch weil niemand auf die Provokationen der Verrückten eingeht, beruhigt sich diese und verzieht sich schliesslich in den hinteren Teil des Busses. Nun, die Fahrt dauert ja nicht so lange, aber in deren Verlauf setzt sich eine junge Chinesin zu mir, die offenbar Schutz bei mir sucht, währenddem der angegriffene braune friedliche Mann, der als muslimischer Terrorist beschimpft wurde und erklärt, es sei am Besten, sich ganz ruhig zu verhalten, von einer älteren Schweizer Frau getröstet wird. Ich tröste inzwischen die junge Chinesin, die eigentlich in Berlin studiert und ganz gut Deutsch spricht. Dann steige ich an «meiner» Station Aspholz aus – und wer hetzt da atemlos auf mich zu? Die Verrückte! Die verhält sich aber jetzt ganz normal. «Sie haben mich irritiert», sagt sie ruhig zu mir, «aber ist denn das nicht der Weg zur psychiatrischen Klinik Burghölzli?» – «Nein», sage ich, «das ist genau in der anderen Richtung.» (Nicht, das es mir sehr wohl wäre bei dieser Konversation.) «Ja, soll ich da jetzt zu Fuss hingehen?», fragt sie mich. «Nein, das müssen Sie nicht», beschwichtige ich, «hier fährt doch der Bus zurück in die Stadt.» Was sie denn auch fraglos akzeptiert.


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