• Christian Urech

Mein Senf zu allem


Religion und Philosophie – Religion oder Philosophie?

Die Gespräche drehten sich um Religion und Philosophie. Die Frage war, ob es sich um einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den beiden Sparten handle oder ob die beiden Gebiete nicht doch sehr viel miteinander zu tun hätten und sogar ineinander übergehen würden. Oesch war unbedingt dieser Meinung; schliesslich gehe es bei beidem um Sinn und Sinnfindung, um Weltdeutung, wenn nicht um Welterklärung. Koch, nicht der Kardinal, auch nicht der Gastronom, sondern der Buchhalter, hielt dagegen, dass sich Philosophie eher im Kopf abspiele, während das Terrain der Religion doch das Herz oder die Seele sei. Dass die Gedanken im Kopf angesiedelt seien, werde wohl auch er, Oesch, nicht bestreiten; und Gedanken seien nun mal der Rohstoff von philosophischen Lehrgebäuden und Theorien, während man von religiösen Gefühlen spreche. Religion sei eine Sache des Glaubens und Philosophie eine solche des Wissens. Gewiss, entgegnete Oesch und nahm noch einen Schluck Rotwein, von einem Valpolicella, der hervorragend schmeckte, aber es gebe doch auch die philosophische Spekulation, und wo denn überhaupt das Herz und die Seele lokalisierbar seien beim Menschen, im Bauch etwa, wie manche Asiaten behaupten, oder nicht doch eher auch im Kopf, als Resultat des Zusammenspiels von chemischen Prozessen, wie die Wissenschaft es proklamiere? Man müsse, mischte sich da Erwin Affentranger ein, der pensionierte Fernsehmensch, der jetzt als sachkundiger Reiseleiter für interreligiöse Trips tätig war, zwischen Religion als Theologie und Religion als Spiritualität unterscheiden. Religion als theologisches Lehrgebäude sei insofern mit der Philosophie verwandt, als es sich bei beiden um eine primär intellektbasierte Beschäftigung mit den letzten Dingen handle, wobei die Theologie eher auf Offenbarungen, also auf externen Quellen, basiere, und die Philosophie sich eher nach der Decke der Logik, mithin einer sozusagen internen Quelle, strecke. Wenn man jedoch Religion eher als spirituelle Sinnsuche verstehe, treffe sie sich mit der Philosophie darin, dass sich beide an Erfahrungen messen, wenn auch unterschiedlicher Art.

Oesch sagte: «Der Ausdruck ‹Shit happens› – ist das eher eine religiöse oder eher eine philosophische Aussage?» Koch lachte: «Da man ‹ach du heilige Scheisse› sagt, wohl eher eine religiöse. Der Atheist als eine Unterart des Religiösen würde behaupten: Scheisse gibt es nicht! Der Protestant hingegen: Es gäbe keine Scheisse, würde ich härter arbeiten. Leichter macht es sich der Katholik: Gibt es Scheisse, so habe ich sie verdient. Der Jude hingegen würde sich die Haare raufen und ausrufen: Warum geschieht die Scheisse immer uns? Und der Moslem sich in alles schicken: Scheisse gibt es, weil es Allah gibt und Allah gross und allmächtig ist.» – «Das ist tatsächlich alles nicht philosophisch gedacht. Der Philosoph würde erstens fragen: Gibt es die Scheisse überhaupt? Und wenn ja, wo kommt sie her? Und wenn ja, warum?» Affentranger wandte ein, man dürfe den Osten nicht vergessen: «Der Hinduist: Scheisse gebiert Scheisse, das ist nun mal Karma. Der Taoist, eher gelassen als fatalistisch: Scheisse ist stärker als das stabilste Klosett. Während der Buddhist beinahe mit dem Atheisten einig geht und ebenfalls meint, dass es Scheisse eigentlich gar nicht gibt – weil sowieso alles Illusion ist. Also kein Grund zur Aufregung, da mag noch soviel Shit happens. Und der Zenbuddhist meditiert über den Klang, der ertönt, bevor die Scheisse ins Klo plumpst, und geht ins Nirvana ein. Viele Antworten, eine so wahr wie die andere, und alle führen irgendwie letztlich zum gleichen Resultat.» – «Die praktische Vernunft, sei sie nun die eines Schweizers oder eines Amerikaners oder sogar eines modernen Chinesen, würde hingegen ganz anders an das Problem herangehen: Wir haben Scheisse – machen wir daraus Geld!» – «Das ist jetzt aber weder religiös noch philosophisch gedacht, sondern ökonomisch!»

«Um hier nun mal von der Scheisse wegzukommen», sagte Affentranger streng, «die eigentliche Nagelprobe des Religiösen ist wohl doch immer noch das Göttliche, wenn ich bitten darf. Obwohl ich natürlich weiss, dass der Buddhismus ohne Gottesbegriff auskommt. Aber der Buddhismus ist ja auch eher eine Philosophie als eine Religion.» – «Sicher ist jedenfalls, dass das Göttliche definitiv nichts in der Philosophie verloren hat. Was soll die Philosophie schon mit Gott anfangen? Seine Existenz lässt sich nicht beweisen, seine Nichtexistenz aber auch nicht», wagte Oesch einzuwerfen. «Wobei die Religion mit Gott im Grunde genommen ebenfalls in die Bredouille gerät. Was ist Gott? Ein strenger, aber gerechter alter Über-Mann mit wallendem Bart, der seine Geschöpfe zwar manchmal züchtigt, aber im Grunde seines göttlichen Herzens eben doch liebt, es mithin nur gut mit ihnen meint? Ein solcher Gott gehört wohl eher in einen Kinderglauben, selig und beneidenswert, wer ihn teilen mag, aber auch etwas arm im Geist. Nun behaupten zwar viele Religionen völlig zu Recht, dass man sich von Gott kein Bild machen soll, denn er sei das Absolute, absolut nicht Vorstellbare. Logisch, dass man sich einen ernst zu nehmenden Gott nicht vorzustellen vermag, sonst wäre er ja nur ein Göttlein oder allenfalls einer unter einer Vielzahl von so genannten Gottheiten, aber sicher nicht der letzte Grund. Und hier wird es etwas windig – was bringt es mir, an einen Gott zu glauben, den ich mir nicht vorstellen kann? Ich weiss, hier kommen die heiligen Bücher ins Spiel, doch die scheinen mir ein allzu offensichtlich fadenscheiniger Versuch zu sein, dieses Dilemma zu lösen. Entweder ist Gott glaubwürdig, das heisst allmächtig, dann nützt er uns nichts, weil wir uns unter dem Absoluten nichts vorstellen können, oder er ist eine Art Übermensch, aber dann ist er unvollkommen und von mündigen Menschen nicht ernst zu nehmen.» – «Um es mit einem Wort zu sagen: Da ist die Kacke mächtig am dampfen. Womit wir wieder bei der Scheisse wären. Nein, nein, Religionen scheinen mir ein nur allzu menschliches Geschäft!»

«Wenn wir Gutes tun, verändern wir die Welt; wenn wir Schlechtes tun, verändern wir sie ebenfalls. Das ist Karma. Nicht im Sinn einer individuellen Vergeltung, sondern im Sinn einer Wirkung auf das Ganze. Wir haben vergessen, dass wir Teil eines Ganzen sind; wir haben vergessen, dass Vereinzelung, Individualität eine Illusion sind.» So Affentrager. «Wir meinen, die Zeit laufe in eine bestimmte Richtung. Auch das ist eine Illusion. Die Zeit bewegt sich wie das Wasser in einer Waschmaschine in alle Richtungen. Wir haben verlernt, dies wahrzunehmen.» So Oesch. «Ursache und Wirkung sind eine in sich verknotete Einheit – wie der berühmte Hund, der sich in den Schwanz beisst. Kennen Sie das Yin-Yang-Symbol der Chinesen? Zwar sprechen wir hier oberflächlich von der gegenseitigen Durchdringung des weiblichen und des männlichen Prinzips – es geht aber um die Natur jeglicher Dualität, die wir fälschlicherweise als Gegensätzlichkeit wahrnehmen. Es ist das schöpferische Prinzip, das wir nicht erkennen.» So Koch. «Der Tod erscheint uns furchtbar, weil wir ihn als ein Ende sehen, als das Ende unserer Persönlichkeit. Aber eine solche Persönlichkeit existiert nicht, sie hat nie existiert. Am Schluss spielt es keine Rolle, ob wir den Ozean sehen oder eine unendliche Anzahl von Wassertropfen.» So Affentranger.


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