• Christian Urech

Der Gott der Komplexität


Trauer, ja Verzweiflung sind angesichts der Komplexität, auf der natürlich auch die menschliche Existenz gründet, völlig angemessene Gefühle, wenn daneben Freude und sogar Glück ihren Platz haben. Mit diesem Satz erwacht er, auf einen Schlag hellwach – aus einem Traum, der ihn

völlig aufwühlt. Immer sind es die Träume, die ihn inspirieren und ihn der Wahrheit, falls die für die menschlichen Wahrnehmungs- und Erkenntnisorgane überhaupt auch nur annähernd fassbar sein sollte, ein winzig kleines Stück näher bringen – nicht so, dass er sie sich dann aneignen könnte, aber doch in einer Weise, die ihn gewissermassen verändert zurücklässt.

Es ist ein Erlebnis, das ihn erschüttert und den Tränen nahe bringt, von einer Intensität und Tiefe, die kaum zu ertragen sind. Dabei ist das Traumgeschehen die Oberfläche, der Schein, und die soeben angetönte «Wahrheit» die Tiefe, das Sein. Denn nicht: Oberfläche und Tiefe, Sein und Schein gehören ja irgendwie zusammen, bilden die komplexe Struktur dessen, was wir als Wirklichkeit empfinden. Da ist es wieder, dieses Wort: Komplexität. Es führt zum Kern der Empfindungen, die ihn nach dem Traum überschwemmen: Die Komplexität des Seins ist das,

was wir als das Göttliche wahrnehmen, oder umgekehrt: Das Göttliche im Sein ist dessen Komplexität, wir sind also umfangen und durchtränkt vom Göttlichen, und dass wir es nicht be-greifen können, macht unsere Verblendung aus, aus der denn auch die moralische Verkommenheit des Menschen folgt. Die Schlechtigkeit des Menschen ist Verblendung, nichts als Verblendung! Machtmissbrauch ist Verblendung, Gier ist Verblendung, Eifersucht ist Verblendung, Hass sowieso. So, wie aus unschuldigen Kindern erwachsene Monster werden können, so ist der Kern aller menschlichen Regungen die Unschuld, seien diese nun auf Sexua-lität, Lust, Vergnügen, Neugier, Erkenntnisdrang, Geltenwollen oder wasauch immer ausgerichtet. Pervertiert werden sie durch die menschlicheVerblendung, den fatalen Hang des Menschen zur Vereinfachung undzur Abkürzung. Wahrscheinlich ist es ein Teil der menschlichen Entwicklung,den Weg dieser Abkürzungen und Vereinfachungen zu gehen undan den Hässlichkeiten und der Beschmutzung des Göttlichen, das darausentsteht, zu leiden, um dann bewusst die Komplexität oder das Göttlicheersehnen, entdecken, erahnen zu können – wie er es tut in manchen seinerTräume, weil in den Träumen Vereinfachungen und Abkürzungennicht so leicht möglich sind, vielleicht. Das Unschuldige, das am Anfangsteht, der Samen, und das komplexe Ganze, das sich daraus entfaltet hat– auch ein wieder fast religiöses Bild. Die Religionen selbst sind ja einSinnbild dieser Entwicklung, sie haben sich aus der Unschuld heraus – ihremmystischen Kern – zu gewaltigen Theologien, Lehrgebäuden vollerAbgrenzungen, Verbote und moralischer Verurteilung entwickelt, sie arbeitenmit Simplifizierungen und nach dem Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip, um ihre Schäfchen bei der Stange zu halten. Ganz auf die Spitzegetrieben wird diese Pervertierung bei den Sekten aller Ausrichtung undaller Art, seien sie nun so genannt «religiöser» oder «politischer» Natur. Ihr Hauptzweck besteht geradezu darin, die Komplexität des Seins, also seine Göttlichkeit, zu leugnen und zu verneinen. Aus Angst und Verblendung bringen sich ihre Anhängerinnen und Anhänger um die grossartige Möglichkeit, durch das wirbelnde Chaos der menschlichen Existenz hindurch die unglaubliche Grösse und Schönheit des Göttlichen zu erahnen und dadurch anzubeten, denn dann – Allahu akbar – kann man gar nicht anders. Es ist ihm unmöglich, den Inhalt des Traums zu rekonstruieren, der diese Gedanken und Gefühle in ihm ausgelöst hat, wahrscheinlich würde dasauf dem Papier, in Worte und Sätze gepresst, auch keinen Sinn machen, er erinnert sich nur ganz deutlich noch daran, dass eine alte Frau, seine Mutter vielleicht, darin vorkam, eine gelassene und weise Person, die sich ihm zeigt, wie sie als kleines Mädchen war, dessen Lebensfreude und Unschuld ihm die Tränen in die Augen treibt, an denen er dann erwacht.

Erlauben Sie uns, liebe Leserin, lieber Leser, noch ein Wort in diesem Zusammenhangzur Kunst. Kunst scheint uns heute das wesentlich probatere Mittel als die (institutionelle) Religion, sich dieser Komplexität anzunähern.Deshalb ist und war wahre Kunst nie ein Job, eine Fertigkeit oderein Handwerk, sondern viel eher ein Gottesdienst. Kunst ist die Annäherungan die Komplexität, das Ringen mit der Komplexität, die Sehnsucht,als Teil mit dem Ganzen der Komplexität zu verschmelzen. Natürlich gibtes auch in der Kunst viel Scharlatanerie, und wir möchten hier auch nichteiner sozusagen esoterischen oder anthroposophischen Kunstrichtungdas Wort reden, ganz im Gegenteil. Wir glauben aber, dass wahre Kunstdarin besteht, die Komplexität erfahrbar oder zumindest erahnbar zumachen, weil Kreativität aus dem gleichen Reservoir schöpft wie zumBeispiel die mystische Verzückung und aus dem auch gewisse Träume stammen.


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