• Christian Urech

Mein Senf zu allem


Warum die Reinkarnationslehre eine gewisse Plausibilität hat

Um es gleich vorwegzunehmen und damit keine Missverständnisse entstehen: Ich glaube nicht an die Reinkarnationslehre. Auch in Bezug auf die Weiterexistenz des Individuums oder die Nichtexistenz des Individuums nach dem Tod bin ich derselbe radikale Agnostiker wie auch in religiösen Dingen. Und noch etwas sei in aller Deutlichkeit gesagt: Ich wünsche mir die Wiedergeburt auch nicht; ganz und gar nicht. Mir wäre es recht, wenn nach dem Tod alles vorbei wäre: Ich fürchte das Nichts nicht nur, ich sehne es sogar herbei. Trotzdem muss ich zugeben – gewissermassen contre coeur –, dass die Reinkarnationslehre einige Vernunftgründe auf ihrer Seite hat.

Wenn ich davon ausgehe, dass der einzige Sinn der menschlichen Existenz darin besteht, sich weiterzuentwickeln – und davon gehe ich aus, einen anderen Sinn der menschlichen Existenz kann ich beim besten Willen nicht erkennen –, dass der einzige Sinn der menschlichen Existenz darin besteht, zu lernen (wobei mit «Lernen» hier nicht die Anhäufung von trockenem Buchstabenwissen gemeint ist, denn, wie das schöne Sprichwort sagt, man wird nur aus Erfahrung klug), dann scheint mit die lächerlich kurze Zeitspanne eines einzigen menschlichen Lebens viel zu kurz zu sein, um diesem Anspruch zu genügen. Um Erfahrungen zu machen und dann über diese Erfahrungen hinauszugehen, sie zu transformieren, dafür braucht es wohl tatsächlich, wie die Philosophien postulieren, die von der Reinkarnationslehre ausgehen, viele – um nicht zu sagen: unendlich viele – Existenzen. In einer einzelnen menschlichen Existenz kann man einiges lernen, wenn man sich Mühe gibt, aber es entspricht, angesichts des gesamten menschlichen Erfahrungsschatzes etwa dem Wissen eines Neandertalers über die Astrophysik.

Eng verbunden mit der Reinkarnationslehre ist die Lehre vom Karma. Diese Lehre wird oft im Sinn der Moralkeule missverstanden. Es geht beim Karma nicht darum, für «gute» Taten belohnt oder – weit häufiger – für «schlechte» Taten bestraft zu werden. Das ist sozusagen die Vulgärversion des Karmagedankens. Die Lehre vom Karma ist ein Erkenntnisinstrument. Das, was wir tun, hat in irgendeiner noch zu begreifenden Art und Weise damit zu tun, was uns widerfährt. Manchmal ist das unmittelbar einsichtig. Wenn ich Menschen mit Misstrauen, Wut oder gar Hass begegne, werden sie auch mir mit Misstrauen, Wut oder gar Hass begegnen. Und wenn ich ihnen mit Wohlwollen, Freundlichkeit oder gar Güte begegne, werden sie mir Wohlwollen, Freundlichkeit und Güte widerspiegeln. Das klingt banal, ich weiss, ist aber unmittelbar empirisch überprüfbar. Da aber die menschliche Psyche nicht so einfach gestrickt ist und wir vielfältige Möglichkeiten haben, unsere wahren Motive vor andern und vor allem vor uns selbst zu verbergen, sind auch die Wege unseres Karmas etwas verschlungener als soeben beschrieben. Oft wird Karma auch mit Schicksal verwechselt. Der Vulgärglaube an Karma geht davon aus, dass es jemand seinem schlechten Karma verdankt, wenn er oder sie von einem Schicksalsschlag ereilt wird, von einer Krankheit, einem Unglück oder einem Leben in Armut und Unterdrückung. Karma heisst nicht, dass man als Schwein wiedergeboren wird, wenn man wie ein Schwein gelebt hat (wofür ja die armen Schweine nichts können, die niemals wie ein Schwein gelebt haben). Zu glauben, dass alle, die unglücklich sind, es auch verdient haben, ist ein fundamentaler Irrtum, oder, um es mal christlich auszudrücken, eine Sünde. Eine grauenhafte Arroganz, die sofort schlechtes Karma erzeugen wird. Sich auf ein hohes moralisches Ross zu setzen, ist nichts anderes als eine Form der geistigen Verwirrung.


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