• Christian Urech

Mein Senf zu allem


Blues

Es gab einen verborgenen, nur ihm offensichtlichen Widerspruch zwischen seinem banalen Leben und seinem Lebensgefühl, das geprägt war von einem gewissermassen pathetischen Hang zur grossen Leidenschaft, erfüllt von heisser Lebenslust und abgrundtiefer Trauer, umflort von leiser Melancholie und erhoben von den Schwingen der Sehnsucht. Er war sich in diesem Gefühl seiner Bedeutungslosigkeit ebenso bewusst wie seiner Einzigartigkeit, seiner elementaren Unwissenheit ebenso sehr wie der grundsätzlichen Unbegrenztheit seines Bewusstseins. Kurz: er hatte den Blues nicht nur im Ohr, sondern auch im Gemüt, ja sogar im Blut. Dort kochte der seine dickflüssig-dunkelviolette, süss-saure Suppe.

Blues, das waren einmal schwarze Sklaven in Baumwollfeldern gewesen, die sich aus ihrer Trauer und Wut ins wilde freie Leben spielten und sangen und schrieen und tanzten. Blues ist auch heute noch eine Beschwörung des Paradieses im irdischen Jammertal, ist der Sonnenstrahl, der durch den grau verhangenen Himmel bricht, ist ein Gefühl des Friedens nach einer langen Nacht in der blauen Stunde morgens um halb vier, in einer verrauchten Bar, mit Gästen, die wie die Geister ihrer selbst aussehen, während der Pianist, ganz in sich versunken und ganz für sich selbst, den schwarzweissen Tasten eine Melodie entlockt, eine Tonfolge, die direkt aus dem Herzen der Welt emporzusteigen scheint... Blues, das ist der Moment, der entschwindet, ist die Gegenwart, die sich nicht aufhalten lässt, sondern sich höflich empfiehlt, ist unsere Vergänglichkeit, das Erbärmliche, aber auch das Tröstliche unserer Vergänglichkeit, ist das Aufbegehren und der Schmerz, aber auch die Einsicht und das Annehmen. Blues, das ist jener Teil in uns, der sich nicht zähmen und domestizieren und verformen lässt, Blues ist unsere ureigenste Authentizität, ist die Unvergänglichkeit unserer Jugend im Altsein und die Weisheit des Alters im Kind. Der Blues in uns ist subversiv, er unterläuft die Rollen, die uns zugedacht sind und die wir ausfüllen sollen, die aber nichts mit unserer echten Natur zu tun haben. Ja, Natur ist ein gutes Stichwort: Blues ist die Natur in uns, das Mineralische und das Pflanzliche und das Tierische in uns, das Salz unserer Tränen ebenso wie der Geschmack unseres Spermas und unseres Bluts.

Er hatte zwar den Blues im Blut, aber gleichzeitig war er sehr kompliziert. Ich will nicht gerade behaupten, dass er ein Intellektueller war – dagegen hätte er bestimmt Einspruch erhoben, wie ein Anwalt, der die Unschuld seines Klienten beteuert -, aber er hatte unzweifelhaft einen zum Komplizierten neigenden Geist, dem alles Eindeutige zuwider war – und deshalb auch eine eindeutige Selbstwahrnehmung seiner Gefühle. Das – eindeutige Gefühle zu haben oder eindeutige Gefühle zu sein -, dachte er, müsste man schon fast als psychologischen Kitsch wahrnehmen. Ich habe den Blues im Blut – lächerlich! Ich lasse mich von Sonnenstrahlen entzücken, die durch graue Wolkenmassen brechen – mehr als verdächtig einer geradezu esoterischen Gesinnung, nah angesiedelt bei der vollkommenen geistigen Verblödung. Der melancholische alte Barpianist klimpert am Klavier, während die besoffenen Gäste über dem Tresen träumen – ein Klischee, in tausend Schwarz-weiss-Filmen festgehalten, in tausend Songs beschworen. Singende Schwarze in Baumwollfeldern, die sich während der Arbeit im Rhythmus der schwermütigen Musik bewegen, und irgendwo spielt traurig eine Mundharmonika – geht es eigentlich noch? Vom Salz der Tränen zu schwärmen, vom süss-sauren Geschmack des Spermas und des Bluts – übelste Blut-und-Boden-Romantik! Jedesmal, wenn er einen echten Blueser sah – keinen intellektuellen Pseudoblueser, sondern zum Beispiel einen Rocker in schweissftriefender Lederkluft, oder einen echten, stinkenden Penner, der sich ein tatsächliches und nicht bloss eingebildetes Elend wegsoff, ergriff ihn so etwas wie eine falsche und auch vergebliche Sehnsucht. Niemals gelang es ihm, wirklich in das Klischee einzutauchen (oder das, was er dafür hielt). Er blieb draussen, auf seinem Beobachtungsposten. Er beobachtete andere, das wohl, aber er beobachtete vor allem auch sich selbst (und zwar vor allem dabei, wie er andere und sich selbst beobachtete). Nur selten gelang es ihm, sich einer kleinen Illusion hinzugeben. Von wegen Blues im Blut – diese Eier hatten vielleicht andere. Wenn überhaupt. Wäre ja schön.

Letzte Nacht träumte er, Janis Joplin zu begegnen. Und zwar war nicht als der Zeitgenosse der Sängerin mit der rauen Stimme, der er tatsächlich war – die Joplin, obwohl schon lange tot, wäre tatsächlich nur wenige Jahre älter als er, würde sie noch leben -, sondern als ein Bote aus der Zukunft gewissermassen, als ein aus dem Strom der Zeit herausgerissener Beobachter, der alles von einer höheren Warte aus beurteilen kann. Die Sängerin war gutgelaunt und sah sogar glücklich aus. Er sagte anerkennend zu ihr: «Weisst du, Janis, ein paar von deinen Songs sind zu richtigen Klassikern geworden, die noch immer gespielt werden. Sie haben die kurzfristige Aktualität überdauert und sind in die Musikgeschichte eingegangen.» Worauf Janis nur ihr kehliges, durch Burbon, Zigaretten und Joints veredeltes Lachen lachte und ihm den Vogel zeigte. Der war es so was von egal, ob sie in die Musikgeschichte eingegangen war oder nicht. So was!

In Baumwollfelder schuftende Sklaven, die wehmütige Lieder singen... Auch heute schuften Sklaven und machen sich andere ein fettes Leben auf deren Kosten, worauf man ihnen auch noch ihren mehr als verständlichen Neid vorzuwerfen die Stirn hat. Nicht weniger absurd sind die Zustände im heutigen Kapitalismus als die feudalen Zustände im 30-jährigen Krieg oder meinetwegen auch im alten Rom oder eben auf den Baumwollfelder der 20er-Jahre im Süden des nördlichen Amerikas. Nicht weniger absurd und nicht weniger ungerecht. Nur das, das darf man heute nicht mehr beklagen. Klagelieder sind verboten; schliesslich leben wir in der besten aller Zeiten. Und aller politischen Systeme. Und aller wirtschaftlichen Systeme sowieso. Nein, wer die Zustände beklagt, macht sich verdächtig der hoffnungslosen Rückwärtserei. Optimismus ist angesagt. Blues, das gibt es heute bloss noch als Nostalgie.


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