• Christian Urech

Mein Senf zu allem


Theorie und Praxis

Der Kommunismus als Theorie hat seine bestechenden Seiten – die Idee einer egalitären Gesellschaft, in der es keinen Besitz mehr gibt oder vielmehr alles allen gehört, übt auch heute noch auf viele ihren Reiz aus. Nur leider funktioniert das im real existierenden Sozialismus nicht: Über die «Diktatur des Proletariats» kommen wir zur Diktatur eines Parteiapparats und letztlich wieder zu Ungleichheit und letztlich auch zu einer extremen Unfreiheit, weil das autonome und autonom denkende Individuum in diesem Zusammenhang als Bedrohung des Kollektivs gesehen wird und vielleicht gesehen werden muss – man denke an die Verhältnisse in der ehemaligen DDR und der ehemaligen Sowjetunion, aber auch im kommunistischen Kuba oder - in extremis - im Kambodscha Pol Pots, wo eine ganze Generation von sogenannten Intellektuellen - die gesamte gebildete Bevölkerung - ausgelöscht wurde. Ähnliches gilt übrigens auch für noch existierende Beispiele wie Nordkorea, Eritrea und seltsamerweise in ganz anderen Zusammenhängen für islamistische Bewegungen wie Boko Haram – etwas frei übersetzt: Bücher sind des Teufels.

Doch auch der Liberalismus, der sich wirtschaftlich im Kapitalismus manifestiert, ist eine schöne Theorie. Als Antipode des Sozialismus setzt er ganz auf die Freiheit des Individuums. Es soll sich schrankenlos verwirklichen können: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, und wer es selbst nicht schafft, ist auch selber schuld. Die unsichtbare Hand des Markts wendet alles zum Guten. Wenn es den Reichen gutgeht, geht es auch den Armen besser. Nur leider funktioniert auch der «real existierende Kapitalismus» überhaupt nicht. Die schrankenlose Entmachtung des Staates als eines kollektiven Regulativs, das Thatcher und Reagan in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts popagierten, führten nicht zu mehr Freiheit für das Individuum, sondern, ganz im Gegenteil, zu einem neuen Sklaventum, man schaue sich nur die Arbeitswelt von heute an. Die grenzenlose Wachstumsstrategie, auf der der Kapitalismus aufbaut, erzeugt eine gnadenlose Ausbeutung von Ressourcen, Umwelt und Menschenmaterial – jeder im Hamsterrad gefangen, egal, ob unten oder oben, wobei oben nach unten trampelnd und von unten nach oben buckelnd, schwankend zwischen Burnout und Depression, dabei wird die Kluft zwischen Armen und Reichen immer grösser – wahrlich eine schöne neue Welt. Wie wir heute sehen, führt der schrankenlose Kapitalismus zu Chaos, sozialer Unruhe, Faschismus und schliesslich zu Krieg, weil sich am Krieg immer noch am besten verdienen lässt.


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