• Christian Urech

Mein Senf zu allem


Das müde Auge Gottes

Gott (2)

Als Gott noch jung war, schuf er die Welt und die Menschen, und alles war gut. Ab und zu schlugen die Menschen ein bisschen über die Strenge und taten blöd, dann schickte Gott bei ihnen eine Seuche oder eine andere biblische Plage vorbei, die Menschen sahen dann ihr Fehlverhalten ein und besserten sich – für einen Moment. So funktionierte das eine ganze Zeit recht ordentlich, aber inzwischen ist Gott alt geworden und wirft nur noch ab und zu ein müdes Auge auf die Menschheit. Meistens sitzt er auf seinem goldenen Thron, Erzengel zur Rechten und Linken, und schläft oder döst zumindest ein bisschen und erinnert sich der guten alten Zeit, lässt Jahrtausende und Jahrhunderte in seinem Inneren vorbeirauschen und grinst manchmal in sich hinein. Auch ist er etwas vergesslich geworden, was Gegenwärtiges betrifft, und bringt manches durcheinander. Nur manchmal, in einem Augenblick von Geistesschärfe, erinnert er sich seiner Aufgaben und schickt eine biblische Plage bei der Menschheit vorbei – ein Anlass dazu, denkt er, wird von Seiten der Menschheit schon gegeben sein, er kennt seine Pappenheimer. Es kommt öfters auch vor, dass er in kurzer Zeit gleich mehrere Plagen vorbeischickt und dann lange keine mehr – eben, die Vergesslichkeit. Die Menschen aber vermögen in dem Ganzen keinen Sinn mehr zu erkennen, weshalb man als unabhängiger Beobachter feststellen muss, dass der ganze pädagogische Impetus nun ins Leere verpufft. Die Menschheit, die den Glauben an Gott verloren hat, wurstelt sich gerade mal so durch – mehr schlecht als recht. Tun die einen einmal gerade nicht blöd, dann sicher die anderen, und schlagen diese mal nicht über die Strenge, dann mit Garantie die anderen. Wo das Ganze noch hinführen soll, weiss niemand – nicht einmal Gott, der mit zittriger Hand abwinkt.


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